Wahrnehmung und Wirklichkeit
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Sie halten die Maus in Händen und fühlen in diesem Moment Temperatur, Rauheit oder Glätte des Gehäuses. Während Sie diese Zeilen lesen, formulieren Sie gedanklich bereits eine Meinung über den Inhalt, den ich gerade für Sie niederschreibe. Sie sitzen oder stehen und spüren die Sitzfläche an Gesäß und Oberschenkeln oder den Boden unter Ihren Füßen. Hören Sie ein Geräusch im Zimmer, im Flur oder draußen?
Wahrnehmung kann innerlich, äußerlich oder gedanklich sein. Innere Wahrnehmung bezieht sich auf das, was ich in meinem Körper, „in meiner Haut“, wahrnehme wie z.B. Herzklopfen, kalte Füße, Magendrücken. Äußere Wahrnehmung geschieht durch die fünf Sinne: Tasten, Riechen, Hören, Sehen, Schmecken. Die gedankliche Wahrnehmung bemerkt die Aktivitäten des Denkens.
Die eigene Wahrnehmung zu differenzieren ist Voraussetzung dafür, in der Arbeit zwischen Beobachten, Interpretieren und Wahrnehmen unterscheiden zu können.
Wir neigen dazu, Wahrgenommenes zu benennen und zu interpretieren und produzieren dadurch Kategorien und Bewertungen. Innere, äußere und gedankliche Wahrnehmung werden vermischt.
Die Wirklichkeit, die wahrgenommen wird, ist durch denjenigen, der interpretiert, geprägt. Sie kennen sicherlich Dialoge wie diesen: „Das ist doch Tatsache.“ - „Für mich ist das noch gar nicht Tatsache!“
Das populäre Beispiel vom Autounfall, dessen Hergang verschiedene Zeugen ganz unterschiedlich schildern, verdeutlicht: Die individuelle Art der Wahrnehmung bestimmt, was das Individuum als Realität bezeichnet. Meine Wirklichkeit wird daher nicht die Ihre sein.
Natürlich einigen wir uns darauf, dass ein Tisch ein Tisch ist. Schwieriger wird allerdings die Einigung darüber, was ein schöner (eleganter, praktischer) Tisch sei!
Die Aussage: „Ich habe einen schönen Tisch gesehen“ offenbart zweierlei. Jemand hat offenbar einen Tisch gesehen. „Schön“ ist seine (oder ihre) Bewertung dieses Möbels.
„Schön“ (elegant, praktisch) ist eine Aussage aus dem Bewertungssystem, eine Aussage über den „Wahrnehmungsfilter“ der jeweiligen Person.
„Es gibt aber doch Dinge, die wirklich schön sind, oder?!“ Sie hören die beiden Themen, auf die sich dieser Ausruf bezieht . . . er fragt nach Schönheit und - nach Wirklichkeit!
An dieser Stelle taucht der Wunsch nach einem objektiven Kriterium auf. Zum Beispiel einem objektiven Kriterium für die Schönheit (eines Tisches), etwa ein bestimmtes proportionales Verhältnis des Tischbeindurchmessers zur Dicke der Platte.
In der Argumentation haben „objektive“ Tatsachen entschuldigende Funktion. Der nachweisliche Einfluss objektiver Gegebenheiten auf die eigene Lebens-gestaltung macht den Akteur selbst zum Opfer. Die Frage nach Verursacher, nach Schuld, steht im Hintergrund. Ein Opfer, strukturell betrachtet, ist unschuldig. Die Schuldzuweisung geht an andere.
(Auszug aus den Ausbildungsunterlagen zur Basisausbildung Coaching und Leadership;Text: Petra Dietrich, Copyright: Petra Dietrich und Coaching Pool GmbH)
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